Celia

Mal wieder ins Kino, dachte ich gestern. Und hier in Nelson bot sich endlich die Gelegenheit – bei der Auswahl liess ich mich alleine vom Plakat leiten und hatte überhaupt keine Ahnung was mich erwarten sollte. Letztlich sollte ich voll ins Schwarze treffen.

Celia“ ist ein mitreissender neuseeländischer Dokumentarfilm, eigentlich ein Testament über die engagierte Menschenrechtlerin Celia Lashlie und ihre Arbeit, den sie selbst in Auftrag gegeben hatte – im Angesicht des Todes. Denn der Rückblick auf ihr Leben, der mitfühlend von der Regisseurin und ihrer Freundin Amanda Millar gedreht wurde, enstand die letzten Tage ihres Lebens, als sie schwer vom Krebs gezeichnet, mühsam ihre Lebensbilanz zog.

Der Film, der dadurch natürlich oft sehr traurig, manchmal bitter wirkt – ist letztlich jedoch auch ein erstaunliches  Medium, um alle bedeutenden Menschen im Leben von Celia Lashlie ein letztes Mal zusammenzubringen – ein raffinierter Kunstgriff, den sie sich da – vielleicht auch unbewusst überlegt hatte – der sicher bei der Trauerbewältigung geholfen hat. Und es ist ein Auftrag an die neuseeländische Regierung: Endlich ihre Arbeit zu machen.

Und das ist wohl auch ein Charakterzug von Celia Lashlie: Sie war Orchestermeisterin und kontrollierte alles – bis zum Schluss. Nur gegen den Krebs kam sie nicht an – und bitter stellt sie im Film auch fest, dass sie nicht aufhören konnte und deshalb ihr Körper die Last aufgebürdet bekam.

Aber wer war diese erstaunliche Frau?

Früh Alleinerziehend von zwei Kindern, hat sie einen Bachelor in Kunst, Anthropologie mit Schwerpunkt in der Maori-Kultur gemacht.

1985 Celia wurde zur ersten Gefängnisaufseherin im Männergefängnis ernannt und wurde so das erste Mal mit den vielen Löchern im sozialen Netz der neuseeländischen Gesellschaft konfrontiert: Schlagende Männer, drogen- und alkoholabhängig, kriminell… die selbst auch oft nur Gewalt erfahren und ohne Wertschätzung aufgewachsen sind, die keine Sprache für ihre Gefühle finden – und so halt zuschlagen, sich zudröhnen…

Später wurde Celia zum Manager vom Frauengefängnis ernannt, und lernte all das Elend der Gewalt aus der Frauenperspektive und ihrer Kinder kennen. Ihr wurde sehr schnell klar, dass das Gefängnis absolut der falsche Platz ist, um diesen Menschen zu helfen.

Sie wurde zum Sprachrohr gegen die Gefängnisstrukturen. Und hat seither die neuseeländische Regierung unerbittlich damit konfrontiert, dass es falsch ist den Weg des geringsten Widerstands zu wählen. Und diese Menschen einfach wegzusperren, die Augen zu verschliessen vor dem sozialen Elend und der oft auch mitbetroffenen Kinder oder Partner… – und so zu akzeptieren, dass die Gewaltspirale sich letzlich weiterdreht, in die nächste Generation hineingetragen wird.

Und Gründe zu Handeln gibt es genug – so ist die Selbstmordrate bei Teenagern in Neuseeland am Höchsten in der OECD, die Anzahl der Gewalttaten in den Beziehungen sind steigend und die Zahl der im Gefängnis sitzenden Frauen und Männer, darunter viele Maori, ist rekordverdächtig im internationalen Vergleich. Celia hat sich für unkonforme „Therapie“-Aufenthalte für Gefangene stark gemacht, die das Thema „Gewalt verstehen-Kommunikation-Empowerment“ als Inhalt haben.

In ihrer letzten Lebensphase hat sie sich im „Good Man“-Projekt engagiert – wo sie in verschiedenen Schulen Jungen interviewte und das Buch „He’ll be OK“ herausbrachte. Auch in diesem Buch geht es darum, dass Eltern und Partner lernen sich und den anderen wertzuschätzen…

Celia Lashlie wollte das Strafsystem reformieren, konnte ihr Werk allerdings nicht vollbringen – somit ist „Celia“ auch ein letztes wütendes, trotziges Aufbegehren gegen dieses System, das akzeptiert, dass Menschen einfach verschlissen werden…

Ich hoffe, dass der Film, der 2018 herauskam, auch in Luxemburg gezeigt wird und so anregt über das Gefängnissystem nachzudenken. Ich ziehe auf jeden Fall meinen Hut vor dieser zähen Kämpferin.

Die wunderbare Musik zum Film wurde überigens von der jungen Singer- und Songwriterin Naia Alkouri verfasst.

http://hearcelialashlie.audio/about-naia-alkhouri-and-her-song-for-celia/

 

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