Farming in Brazil

Die nächsten Wochen werde ich mit dem „Moviemento das Comunidades Populares“ (MCP) lokale Bauern besuchen. Der MCP wurde in den 1969er Jahren gegründet, und seit dem Anfang widmet er seine Bemühungen den einfachen Tagelöhnern, landlosen Arbeitskräften in der Agrikultur sowie der schwarzen und indigenen Bevölkerung im ländlichen Raum.

Inspiration für den MCP waren einerseits die Theorien des brasilianischen Erziehers und Philosophen Paulo Freire, der zu den führenden Vertretern der kritischen Pädagogik gehörte. Vorbild war aber auch der Katholizismus (Gemeinschaftsgedanke), Karl Marx (gleichwertige Gesellschaft) und Mao Zedong (Inspiration am Volk) – auch der kulturelle Background der indigenen Bevölkerungsgruppen sowie schwarzer Gemeinschaften waren Elemente, die in die Philosophie des MCP eingeflossen sind.

Erste Erfolge erreichte der MCP in den 1980er Jahren als sie Rentenanrechte für einfache Arbeiter im Bereich der Arikultur erwirken konnten: Ziel war ein Wandel der Gesellschaft von unten zu erwirken. Zu der Zeit waren Landkonflikte in Brasilien sehr aktuell, in denen es auch um Zugangsrechte von armen Bauern zu Land ging, das noch heute grösstenteils von privaten Latifundien-Eigentümern bewirtschaftet wird: Seit Beginn des Kolonialismus konnten sich so einige Familien in Brasilien wesentliche Vorrechte erwirken.

Sei den 1990er Jahren ist der MCP auch stärker in kleinen Städten und Favelas präsent – wobei die grundlegende Idee immer war, lokale Gemeinschaften zu stärken, indem besonders viele selbstverwaltete Initiativen mit geteilter Anteilnahme entwickelt wurden, um die Unabhängigkeit und die Lebensqualität der lokalen Gemeinschaften zu verbessern. Zugang zu politischem Entscheidungsrecht, ein Wertesystem weg von individualistischen-kommerziellen Prinzipien hin zu Gemeinschaftsprinzipien, die Wertschätzung der Natur als wesentliche Ressource, standen im Vordergrund.

Wie viele soziale Bewegungen siedelt sich auch der MCP eher links an. Seit einigen Jahren hat der MCP nicht nur lokale Headquarters aufgebaut, in denen die lokalen Gemeinschaften verschiedene Ateliers vorfinden wie Nähateliers, Waschsalons sowie Läden für die eigenen Produkte, Second-Hand-Kleiderläden – sondern auch Schulen und Tagesstätten, Gesundheitsgruppenund eine Bank wurde aufgebaut, die Mikrokredite an Mitglieder vergibt. Recycling aber auch der organische Anbau gehören zum Wertekanon des MCP. In einer eigenen Zeitung wird über lokale Projekte und Entwicklungen berichtet.

Mit dem MCP besuche ich mehrere ländliche Regionen, die einen guten Einblick in das soziale Gefälle vermittlen.

Simoes Filho, next to Salvador de Bahia

In Simoes Filho betreibt der MCP eine kleine Schneiderei, in der rund eine Handvoll Frauen ein Einkommen finden.

Es ist mein erster Besuch eines Projektes, bei dem der MCP auch mit Hand angelegt hat. In der kleinen Ortschaft Quilombola, die längs einer stark befahrenen Strasse liegt konnte mit Hilfe des MCP ein Kindergarten und eine Grundschule eröffnet werden. In dem Ort, der eine Handvoll Kinder umfasst, erspart der Kindergarten den Eltern viel Stress, da sie nicht tagtäglich ihre Kinder mit Hilfe des öffentlichen Busses oder eines Motorrads in die nächstliegende Stadt fahren müssen und sich auf die eigene Arbeit konzentrieren können. Autos haben einfache Leute hier kaum. Auch hat eine finanzielle Unterstützung es ermöglicht, dass den Frauen einen Gemeinschaftsraum zur Verfügung gestellt wurde, um lokales Handwerk anzufertigen….

Serrinha in Bahia

Rund 150 km von Salvador de Bahia entfernt liegt das kleine Städtchen Serrinha. Im Einzugsbereich dieser Stadt befindet sich das Haus von Maria, eines engagierten MCP-Mitglieds.

Der Aufenthalt im Haus von Maria gibt die Gelegenheit einen Einblick zu erlangen, in eine kleine recht breit aufgestellte Farm, die noch im Wesentlichen von ihren eigenen Produkten lebt.

Maria bewohnt das im traditionellen Stil errichtete Haus mit ihrer Mutter. Der Hof verfügt über rund 2-3 Hektar Land mit einer Mischung aus mehrjährigen und einjährigen Pflanzen. So hat der Hof mehrjährige Obstsorten wie Bananen, Papaya, Ananas (zweijährig), Orangen oder Limonen.

Einige Kühe für Milch, Hühner sowie Perlhühner liefern Eier und Fleisch…  ein Gemüsegarten gleich am Haus liefert Salat, Tomaten, Peperoni sowie Kräuter und Kürbisse. Hauptwirtschaftszweig der Familie ist der Maniok, der in einer Casa de Farinha zu Mehl gemahlen wird und in grossen Behältern gelagert wird, um im Laufe der Zeit auf dem Markt verkauft zu werden.

Daneben baut die Familie auch Mais an, der hier in Brasilien – Milho – genannt wird. Dieser wird ebenfalls in der Casa de Farinha gemahlen und auf dem Markt verkauft. Ansonsten verfügt der Betrieb noch über Bohnen – Feijao -, die nach der Ernte in grossen Haufen auf dem Feld zum Trocknen gelagert werden. Eine letzte Kultur, die auch hier angebaut wird und tagtäglich bei kleinen Leuten auf den Tisch kommt, sind Süsskartoffeln. Die kleinen Bauern vermehren noch immer ihr Saatgut selbst, rsp. heben einen Teil ihrer Ernte z.B. Bohnen für das Folgejahr auf.

Gekocht wird traditionell noch mit Holz und Feuer. Eine Hauptmahlzeit besteht meist aus gegarten Süsskartoffeln, Maniok, Bananen, dazu Bohnen sowie je nach Region begleitet von Mais Couscous – Cuscuz – oder Reis (Arroz).

Pamonha: Ist denn auch eine lokale Spezialität. Sie besteht aus frischen Maiskörnern, die mit Kokosmilch zu einem Brei zerschreddert werden, der dann in Maisblätter eingefüllt und in Wasser gekocht wird.

Die einzelnen Räume in den traditionellen Häusern haben keine Decken – das hat zur Folge, dass der Wind gut zirkuliert, es gibt aber eben auch keine Privatsphäre. Typisch sind die roten Dachziegel, die einfach über einem hölzernen Dachgestühl übereinander gestapelt sind…

Insgesamt sind viele Brasilianer sehr religiös. So findet sich das Kreuz in fast allen Wohnräumen. Auch Gottessendungen auf dem Fernseher haben grossen Erfolg. Wobei insgesamt in der brasilianischen Gesellschaft der Anteil der Katholiken stetig sinkt. Viele Brasilianer sind anderen Ausprägungen des Christentums zuzuordnen; meist sind sie protestantisch. Indigene Religionen umfassen in etwa 10%…

Sertao Area (Paraiba)

Rund 50 km hinter der Stadt Cajazeiras und rund 25 km von der Ortschaft Jos Piranhas entfernt liegt das kleine Städtchen Carrapateira mit seinen Vororten. Und hier verbringe ich denn auch eine Woche bei einer Familie, die ohne Zugang zu Land ist.

Mitten in der Gegend des Sertao gelegen – was so viel wie Hinterland bedeutet – zeichnet sich diese Region vor allem durch starke Trockenkeiten aus. Die Seitenstrassen zu den Dörfern und kleinen Gehöften sind meist ungeteert. Die Häuser sind aus Lehmziegeln gebaut, sie sind klein, umfassen meist nur 4 Räume (wenn überhaupt)…

Die Fenster sind ohne Glas, es sind einfache Holzläden, die bei Sonnenaufgang aufgeklappt werden und bei Sonnenuntergang wieder zu – was als Konsequenz hat, dass immer wieder irgend ein Nachbar vorbeischaut oder hereinlugt.

Hauptherausforderung für diese Gegend ist das Wasser – genügend Wasser zu haben, für das Vieh, die Kulturen und die Menschen. Zur Wassergewinnung wurden tiefe Brunnen gegraben, die jedoch auch oft Privateigentum sind. Viele Familien können heutzutage nicht mehr von der Agrikultur als einzige Einnahmequelle leben und gehen einer Beschäftigung in der naheliegenden Stadt nach.

Die Trockenheit hat der Region in den letzten Jahren enorm zugesetzt – auch indem die Menschen immer mehr Bäume und Sträucher roden, um damit ihre Feuerstellen zu beheizen, scheint die Trockenheit angesichts des sehr langsam wachsenden Gestrüpps weiter voranzuschreiten.

Auch hier ist einer der Hauptnahrungsmittel, der Mais, der trocken aufbewahrt wird. Per Hand werden die Körner – die noch in ihrer Koloration eine biologische Vielfalt aufweisen – von den Kolben getrennt.

Alagoa Nova bei Campinho Grande

In Alagoa Nova befindet sich widerum eine ganz andere Landschaft: Der Boden ist sehr fruchtbar, es regnet regelmässig und üppig und die Landschaft ist überzogen von dichtem Regenwald. Teilnehmen durfte ich hier an einer Versammlung von lokalen Kleinbauern, deren Land, das sie über Jahre besetzt hatten, jetzt offiziell in einem Kataster überführt werden und somit auch Besitzansprüche klären soll.

Geklagt wird in diesen Versammlungen über Gewalt, über die neuesten, zugezogenen „Squatter“, die das Obst von Bäumen klauen und Infrastrukturen zerschlagen würden, die sich nicht am Gemeinschaftsleben beteiligen würden.

Die Familien sind oft sehr arm. Es gibt kaum Möbel in den Häusern… Gekocht wird über dem Feuer. Das Wasser ist Regenwasser, das in eine Zisterne neben dem Haus gesammelt wurde. Duschen heisst hier kaltes Wasser aus einem Eimer schaufeln, auch das Geschirr wird so abgewaschen. Dabei wird man sich der Verschwendung in der eigenen Gesellschaft bewusst. Kaffeebohnen werden frisch vom Kaffestrauch gepflückt, zerstampft und gekocht.

Die Frauen aus der kleinen Ortschaft verfügen neben ihrem eigenen Garten über einen Gemeinschaftsgarten, den sie einmal in der Woche gemeinsam bearbeiten: Hier wachsen Mangos, Papayas, Passionsfrucht, Maniok, Bananen, Ananas, Graviola, Feijao-Guandu.. Zitrusfrüchte, um nur einige zu nennen.

Haustiere gibt es viele – neben Hunden gehören auch Katzen zum Haus. Kaninchen sind eher selten. Vögel, sieht man schon öfter: Sie werden wild eingefangen und in selbst gebauten Käfigen gehalten. Schmetterlinge sind Besucher…

An besonders arme Bevölkerungsgruppen werden auch schon mal Kleider verteilt…

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Recife und der Zuckerrohr

Die Gegend um Recife ist gekennzeichnet durch den Zuckeranbau: Riesige Monokulturen, die lange Zeit in den Händen von grossen Anteilseignern waren…

Ueber Jahrhunderte wurden hier billige Arbeitskräfte ausgebeutet – zu Anfangs viele Sklaven, um den Zucker für Europa herzustellen – heute sind es grosse Maschinen, die die meiste Arbeit erledigen – was als Konsequenz hat, dass sehr viele ehemalige Zuckerrohrarbeiter arbeitslos sind und auch ohne Land.

Diese grossen Zuckerrohreigentümer scheinen über Jahrzehnte nichts in die lokalen Städte und Siedlungen investiert zu haben und all das Geld ins Ausland verschafft zu haben: So wundert es, das Infrastrukturen marode sind, herrschaftliche Gebäude zerfallen, der öffentliche Verkehr veraltet ist. Korruption hat die Gegend fest im Griff..

Auch für die Umwelt war der zuckerrohranbau letzlich eine Katastriophe: Viele Böden sind verarmt, durch den über Jahrzehnte erfolgteEinsatz von Pestiziden ist das wasser z.T. verseucht, es gibt kaum Fische, geschweige denn Insekten… Die Krebsrate soll in diesen Gegenden höher sein als sonstwo.

Aber von lokalen Gewerkschaften gab es auch Landbesetzungen.. Eines dieser Projekte konnte ich besuchen, bei dem rund 50 Familien Land zurückgewinnen konnten – rund zwei Hektar, um hier eine grosse Vielfalt an Gemüse und Obst anzbauen. Ein grosses Entwicklungsproblem in diesen Regionen stellt der Zugang zu Wasser dar. Während es unter Lula noch Programme gab, die den Bauern halfen eigene Zisternen bei ihren Häusern zu errichten, um das Wasser zu speichern, sind de Bauern sich heute vorwiegend selbst überlassen. Grosse Probleme bereiten auch die sehr schlechte Strasseninfrastruktur.. so beschweren sich die Bauern, das sie ihr Gemüse nicht absetzen können, da die Strassen in so einem schlechten Zustand sind, dass sie von Lieferwagen nicht befahren werden können..

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